Erinnerungen

Liebesbrief

Erinnerungen

Liebesbrief

Immer wieder erinnere ich mich an den Tag zurück, an dem wir uns das erste Mal sahen. Du trugst deinen schwarzen Anzug, weil du gerade von der Arbeit kamst, ich hatte meine Haare schon seit zwei Tagen nicht mehr gewaschen; hatte nur eine Strickjacke über mein rotes Kleid geworfen. Warum ich dich damals ansprach, weiß ich nicht mehr genau. Heute denke ich, es war ein Wink des Schicksals, dass ich mich in dieser Stadt nie wirklich zurecht fand. Dass ich dich nach dem Weg fragen musste. Wie oft wurde ich von meiner Familie und meinen Freunden belächelt ob meiner unzulänglichen, geographischen Fähigkeiten? Und doch rettete mir eben diese das Leben: nur durch diese Frage traf ich dich.

Danach gingen wir noch einige Stunden spazieren, obwohl du einen Termin hattest, und ich dringende Besorgungen zu machen. Aber so ist das wohl, wenn man liebt. Das Herz schlägt so schnell und wild, dass es sich nicht daran erinnern will, was alles noch erledigt werden muss. Es erinnert sich nicht, was vor diesem Gefühl war, und alles was danach kommt, ist niemals so wichtig, wie dieser Moment. Ich weiß noch, der Sommer war gerade angefangen. Irgendwann musste ich meine Jacke ablegen. Die Gänseblümchen schmückten den Grasteppich und alles Grau in mir war verschwunden. Deine Hand in meiner: das neue Jahr hatte für mich bereits begonnen.