



Mein liebes Herz!
Ich glaube, ich bin eifersüchtig; das zwingt mich, heute schon wieder zu schreiben. Wenn sie dich nur in Polen nicht zerreißen, dass ich dich noch ganz und wohlbehalten nach Zürich bekomme. Wie du schön schreibst und reflektierst! Meisterin! Du tust mir's unendlich zuvor; ich werde mich schämen müssen. Total gedankenlos - wenn ich mich nicht zuweilen über eine Schufterei ärgerte. Zuweilen, das heißt eigentlich doch ziemlich oft. Die Schufte sind wohlfeil geworden, wie Brombeeren. Zunächst will ich dich und sonst gar nichts in dir und dann wieder dich und dann erst noch einmal dich. Je vernünftiger du wirst, umso kindischer will ich werden. Glaub's nur, ich hab' es mir fest vorgenommen. Vorderhand gibt es nichts als dich für mich… keinen Himmel und keine Erde; ich will gar nicht darüber nachdenken, was du mir sein wirst; jetzt bist du mein alles, alles mit deinen Tugenden und Lastern, welch letztere, beiläufig gesagt, ich übrigens zu meinem Schreiben noch nicht entdeckt habe. Grüße niemand, frage nach niemand; ich richte nichts aus; es hat keine Seele ein Recht an dich, als ich. Dixe, und nun magst du mich für verrückt halten. Es ist meine Art, das, was ich bin, ganz zu sein. Ich habe mich oft und lange gegen die Liebe gewehrt; nun hat mich's gepackt, nun will ich auch von keiner Teilung meines Wesens zwischen der Welt und meiner Liebe wissen, nun will ich lieben, nichts als lieben… bis zum Wahnsinn lieben, dich, dich, mein Schatz! Aber eben, weil ich's ganz tue, mit Energie, mit Leidenschaft, nicht mit Sentimentalität. Und echte Leidenschaft ist universell, ohne Egoismus und wird auch bei uns genug, abwerfen für die Welt. Darüber mach' dir keine Sorgen und auch keine Reflexionen vorderhand! … Behalte fest im Auge, dass wir bald zusammenkommen, zusammen müssen, und bestelle dein Haus danach. Sei und bleibe mit mir, wie ich jeden Augenblick mit dir bin, an die mich aufrichte.
Dein Georg
Zürich, den 26. Januar 1843, abends
Georg Herwegh (1817 - 1875) an Emma Siegmund (1817 - 1904)
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