



Die Liebe ist gleich unersättlich im Austeilen und Hinnehmen immer neuer Schwüre, und so wird es uns stets ein glückliches Bedürfnis bleibe, das alte "Wie lieb ich dich!", welches dein letzter Brief, doppelt unterstrichen, wiederholt, wechselseitig zu hören und hören zu lassen. Es ist derselbe einfache Akoord, der, so oft du ihn anschlagen magst, jedes Mal wieder neu und mit nie erhörtem Zauber in mir nachklingt. Diese süße Wiederholung, worin man sich selber nie ein Genüge tut, gleicht fast einem lieblichen Spiele, das etwa dann bestünde, dass du ein geoldenes Gefäß mit köstlichem Wein in ein anderes gössest, damit ich den immer frischen Perlschaum schnell vom Rande sauge, um sodann dir wieder einzufüllen, dass du das Gleiche tust, uns so fort - ohne unsern Durst löschen und den Wundertrank zur Neige bringen zu können. Ist das ein Spiel, so ist's ein solches, wie die Engel es treiben, und wir schämen uns seiner nicht. Glaubst du, es könnte eine Zeit kommen, wo wir dessen satt werden? Ich kann's nicht denken; mich schauert, wenn ich's denke! Wie liebe ich dich! So ruf ich dir heute zu und werde es noch, wenn jene Tage kommen, welche so manches andere an mir abstreifen mögen, was jetzt noch Hand in Hand mit meiner Liebe geht.
Wenn ich manchmal in Gedanken dem Ursprung unserer Liebe nachgehe, wie man dem Gange und allen sanften Krümmungen eines Flusses folgt, so verschwimmt das Ganze vor meinem Blick wie in ein einzig unermessliches Meer, auf dem ich staunend all mein Sinnen zerfließen lasse. Mir ist, als hätten wir uns gehört seit Ewigkeiten - und doch der sonderbare Gegensatz! - Mir ist, als müsst' ich's heute erst erfahren und begreifen lernen. Dies Gefühl des höchsten Glückes wird dann so überwältigend und groß, dass es keinen Ausweg findet als im brünstigen Danke gegen den, der alles so wunderbar gefügt. Ich bewundere mit Tränen die Liebe des Höchsten und seine Majestät, wenn mir einfällt: Ich, der Einzelne, an dem sich das Füllhorn überschwänglicher Wonne erschöpft zu haben scheint, bin doch der kleinste Teil nur in einer ganzen unendlichen Schöpfung, auf welche sich Ströme der Liebe stürzen. Es flutet eine Welt voll Seligkeit in mir auf uns nieder; sie ist ein Tropfen, der im All verschwindet, und doch so mächtig fühl ich mich in ihr, dass ich mir nichts gleich mehr glaube von allem, was außer mir und außer uns beiden lebt; ja wenn der Lobgesang aus tausend glücklichen Kehlen sich in einem breiten Strome himmelan schwänge, ich könnte zweifeln, ob er der Empfindung meines einzelnen Glücks gleichkäme, und doch fühle von den Tausenden ein jeder vielleicht dasselbe, was ich und was du. Sich aber gerade dies recht klar und innig bewusst zu blieben und deswegen in andern sich doppelt zu freuen, das mag ein charakteristisches Merkmal jener Seligkeit sein, wie sie im Himmel zu Hause ist, wo alle Selbstsucht wegfällt. Aber auch hier auf Erden lässt sich eine Ahnung davon haben - in Augenblicken, die gewiss zu unsern reinsten und herrlichsten gehören. nur leider, dass man sie nicht festhalten kann!
Liebes, teures Kind, ich habe hier mit vielen Worten und ohne recht zu wissen, wie sie aufs Papier kamen, ungefähr das gesagt, was du mir viel besser und einfacher mit wenig Zeilen sagst; aber nimm es hin als den wahrhaften Ausdruck meines Innersten, den vielleicht jedermann, nur du nicht, der Übertreibung beschuldigen würde! Du bist das einzige Wesen, das mich hierin ganz zu würdigen versteht; ich bin der Einzige, der das schöne Geheimnis deiner Seele, deines ganzen Denkens, Seins und Ausdrucks entschleierte, der den leisesten Laut deines Gemüts auffängt, dass er zum vollschwellenden Gesange in mir aufgeht. Liebes Herz! Könnt' ich ejtzt, an deinem Halse liegend, alles das zusammenfassen mit einem Blick in dein getreues Auge!
..Nun scheid ich endlich von dir. Eine gute Nacht der Kranken oder der Gesunden. Möge unser guter Genius heute unsere Träume zusammenflechten! Ich glaube, wenn es sich mit Geld erkaufen ließe, dass ich ganze Nächte im Traum mit dir zubrächte, ich würde Hab und Gut verlieren.
Nun, so schlaf wohl, mein liebstes Leben! Grüße alles! Grüße mir auch das Eckchen am Kommod und - eine förmliche Zeitungsanfrage - frag, ob nichts vakant war für zwei junge, ledige Personen, die im Küssen recht wohl unterrichtet, auch imstande wären, stundenlang das Wörtchen amo all casus hindurch zu konjugieren und sich einander bloß in die Augen zu gucken, ohne einmal zu lachen, höchstens einmal, wenn der Nachtwächter sich vernennt und statt neun Uhr elfe ruft.
Man wird mich aber nächstens zum Essen rufen und somit zum dritten und letzten Mal, Herz, gute Nacht!
Ewig dein getreuer
Eduard
Owen, 18. Februar 1830
Eduard Mörike (1804 - 1875) an Luise Rau

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