



Du abscheuliches Ding!
Ich glaube gar, ich bin in dich verliebt! Seit gestern, da ich nämlich deinen kritzligen Brief erhielt, hab' ich ihn schon dreimal gelesen, und eben war ich im Begriff, es zu vierten Male zu tun, als ich mich besann, dass man seinen Charakter soutenieren muss, den Brief in die Schublade warf, diese zuschloss und mir vornahm, das Geschreibe gar nicht mehr anzusehen. Ernsthaft! Der Brief hat mir viel Freude gemacht. Erstens, weil er so herzensgut ist wie alles, was von dir kommt; dann aber auch, weil er so gut geschrieben ist, so ganz, wie ich's liebe. Ich sehe schon, ich muss bald wieder eine neue Reise unternehmen, um mehr solche Briefe zu bekommen. Du schreibst nicht, wie es dir geht. Ich hoffe gut. Ich selbst befinde mich beträchtlich besser als bei meiner Ankunft, was ich zum Teile der Sorgfalt Flurys verdanke, der sich wirkliche Verdienste um nicht erworben hat. A propos! Flury hat mir gesagt, du habest seiner Frau einen Besuch gemacht. Obgleich jeder Schritt über die Gasse eigentlich meinen Befehlen zuwiderläuft, so freut es mich doch, dass du die Bekanntschaft dieser Frau gemacht hast, die, wenn sie wirklich so ist, wie ihr Mann sie beschreibt, ein vorzügliches Wesen sein muss. Schreibe mir doch, was sie auf dich für einen Eindruck gemacht hat und ob vorauszusetzen ist, dass sie mir meinen Vorsatz, die Bekanntschaft mit Flury auch in Wien fortzusetzen, nicht verleiden werde..
Adieu! Grüß Deine Schwerstern. Auch die Beste von Euch: nämlich die Abwesende. Ich habe Euch alle lieber, als ich selbst weiß. Bald einen zweiten Brief.
Jamnitz, 4. Oktober 1823
Franz Grillparzer (1791 - 1872) an Katharina Fröhlich (1800 - 1879)
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