



Ich habe dir schon viele Briefchen geschrieben und weiß nicht, wenn sie nach und nach bei dir ankommen werden. Ich habe versäumt, die Blatter zu nummerieren und fange jetzt damit an. Du erfährst wieder, dass ich mich wohl befinde, du weißt, dass ich dich herzlich lieb habe. Wärst du nur jetzt bei mir! Es sind überall große, breite Betten, und du solltest dich nicht beklagen, wie es manchmal zu Hause geschieht. Ach, mein Liebchen! Es ist nichts besser, als beisammen zu sein. Wir wollen es uns immer sagen, wenn wir uns wieder haben. Denke nur, wir sind so nah an Champagne und finden kein gut Glas Wein. Auf dem Frauenplan soll's besser werden, wenn nur erst mein Liebchen Küche und Keller besorgt. Sie je ein guter Hausschatz und bereite mir eine hübsche Wohnung. Sorge für das Bübchen und behalte mich lieb. Behalte mich ja lieb, denn ich bin manchmal in Gedanken eifersüchtig und stelle mir vor, dass dir ein anderer besser gefallen könnte, weil ich viele Männer hübscher und angenehmer finde als mich selbst. Das musst du aber nicht sehen, sondern du musst mich für den Besten halten, weil ich dich ganz entsetzlich lieb habe und mir außer dir nichts gefällt. Ich träume oft von dir allerlei konfuses Zeug, doch immer, dass wir uns lieb haben. Und dabei mag es bleiben..
Behalte mich nur lieb und sei ein treues Kind, das andre gibt sich. Solang ich dein Herz nicht hatte, was half mir das Übrige, jetzt da ich's habe, möchte' ich's gern behalten. Dafür bin ich auch dein.
Küsse das Kind, grüße Meyern und liebe mich.
Im Lager bei Verdun, den 10. September 1792
Johann Wolfgang von Goethe (1749 - 1832) an Christiane Vulpius(1765 - 1816)


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